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DR. PHIL. GÜNTHER SCHWARZ

JESUSFORSCHER, ARAMAIST UND THEOLOGE

Wiederherstellung des geistigen Vermächtnisses Jesu

Artikel zum 80. Geburtstag

Werke

Den nachfolgenden Artikel hat der Journalist Ulrich Dröge, Hannover, zum 80. Geburtstag von Dr. Günther Schwarz verfasst. Er wird hier mit seiner Erlaubnis wiedergegeben. Der Text ist in Teilen gekürzt, in anderen Teilen ergänzt um Auszüge aus einem weiteren kurzen Artikel von Herrn Dröge, der anlässlich des 80. Geburtstags von Herrn Schwarz am 22.02.2008 im Regionalteil des Diepholzer Kreisblatts erschienen war.

 

 

Der Mann, der in Jesus aus Nazaret poetische Qualitäten entdeckte

 

Sein Name ist seit mindestens zwei Jahrzehnten ein Geheimtipp für diejenigen, die sich für die historische Wahrheit des Lebens, des Leidens und der Lehre von Jesus aus Nazaret interessieren: Dr. Günther Schwarz. Der ehemalige evangelisch-lutherische Pastor und Philologe in Niedersachsen hat sich so akribisch wie kein Zweiter in die aramäische Muttersprache des „Rabbi Jeschu“ eingearbeitet, der als „Jesus Christus“ im Zentrum des christlichen Glaubens steht.

 

Am 12. Februar 2008 begeht Schwarz privat zurückgezogen seinen 80. Geburtstag. Obgleich er auf ein erstaunliches Lebenswerk zurückblicken kann, wird dieser ‚runde’ Geburtstag wohl kaum von offiziellen Ehrungen begleitet sein.

 

Denn nach einem gewissen Aufmerksamkeitserfolg der Schwarz’schen provokativen Schriften seit Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde es still um den aramäisch-kundigen Deuter der Worte und der Taten Jesu. Beherrscht wurde die öffentliche theologische Debatte in Deutschland zu jener Zeit stattdessen von dem katholischen Dissidenten Eugen Drewermann aus Paderborn und vom protestantischen Ketzer Gerd Lüdemann aus Göttingen.

 

Demgegenüber war Günther Schwarz lediglich eine Reizfigur in der Provinz, auf der Kanzel der dörflichen Kirche von Sankt Hülfe, einer Randgemeinde der Kreisstadt Diepholz. Dort predigte Schwarz nach eigenem Eingeständnis „ohne Furcht und ohne Kompromisse“ seine abweichende Auslegung des Neuen Testaments. Ein Teil der Gemeinde wechselte zu anderen Gottesdiensten in Diepholz. Andererseits gab es Zuzug von außerhalb, weil sich zwischen Bremen und Osnabrück die Kunde von dem interessanten, unbequemen Pastor herumgesprochen hatte.

 

Im hannoverschen Umland hatte Schwarz als Pfarrvikar bereits 1971 erste Schlagzeilen gemacht. Nach einem Vortrag vor dem Landfrauenverein Wedemark tauchte der öffentlich erhobene Verdacht auf, dass Schwarz bei diesem Auftritt „das biblische Gottesbild zu verlassen schien“, wie der damalige zuständige Superintendent sagte. Erst durch massive Proteste und eine Unterschriftenaktion in Brelingen und Elze-Bennemühlen sowie durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Versammlung der Kirchengemeinde konnte die Affäre gütlich beigelegt werden.

 

Vor den Stars der kritischen Bibelwissenschaft wie Drewermann und Lüdemann hatte Günther Schwarz einen Vorzug: Er konnte und wollte das „Urevangelium“ der Christen – auf aramäisch nämlich – „wiederherstellen“. Und dazu gehörte seine Behauptung, dass Jesus nicht bloß ‚leidender Gottesknecht’, Prophet, Lehrer, Magier, Geistheiler und Exorzist war, sondern auch ein Sprach- und Spruch-Schöpfer, eine Art „Poet“, gleichsam ein Sentenzen-Dichter in der Nachfolge der alttestamentlichen und poetischen Prophetie des Judentums. Dieses Thema blieb jedoch am Rand der Kontroversen.

 

Allerdings kann es passieren, dass die fast verdrängte Schwarz’sche Exegese der Evangelientexte des Neuen Testaments bald wieder stärker in den Blick der Fachwelt und der kirchlichen Öffentlichkeit geraten wird. Denn nahezu abgeschlossen ist das Hauptwerk mit dem Arbeitstitel „Jesus lehrte anders“, mit dem Schwarz die Ergebnisse seiner rund 90 früheren Einzelaufsätze und 13 Bücher aktualisieren und zusammenfassen will. Außerdem hat er in vierzig unermüdlichen Forscherjahren ein Wörterlexikon zusammengetragen, das 7.500 Wortartikel enthält. Darin wird die „Rückübertragung“ vom Griechischen ins Aramäische und deren Übersetzung ins Deutsche haarklein erläutert. Es ist unschwer zu erraten, wogegen und wofür das Buch geschrieben wurde. Der Autor hält – wie einige theologische Autoritäten vor ihm – das Aramäische für die „echten“ Wurzeln.

 

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, begegnete die Auffassung von einem „dichterisch“ lehrenden Jesus in der akademisch vernetzten theologischen Fachwelt einem schier unüberwindlichen Argwohn. Exemplarischen Widerstand bekam Schwarz zu spüren, nachdem er sich an den sogenannten ‚Engelsruf’ in der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums herangemacht hatte. Auf den strengen Philologen fiel damals eine massive Schelte herab.

 

Zwar wehrte sich der Angegriffene – auch auf sanften Druck seiner Gönner – mit einer ausführlichen, sachlichen und kühlen Entgegnung. Jedoch blieben die vergiftenden Stichworte hängen, die das Schwarz’sche Werk seitdem begleiten: Es stand unter dem Generalverdacht, es wolle den von Gott gesandten Menschheits-Erlöser Christus gemäß dem Glaubensbekenntnis der Kirchen zu einem ‚Knittelverse’ produzierenden ‚Wanderpoeten’ herabwürdigen. Es nutzte nichts, dass der geschmähte Landpastor, der in Elze-Bennemühlen bei Hannover, in Estebrügge im Alten Land bei Hamburg und in Sankt Hülfe bei Diepholz (bis 1988) ordinierter Seelsorger war, Förderung von allerhöchster Stelle erhielt. Das geschah in erster Linie durch (den 1992 verstorbenen) Karl Heinrich Rengstorf, Professor in Münster und Osnabrück, sowie den hannoverschen Altbischof, ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden und inzwischen emeritierten Professor Eduard Lohse, der seinen Lebensabend in Göttingen verbringt.

Sie konnten nicht verhindern, dass sich auch die Promotion des Aramaisten Günther Schwarz in Osnabrück zu einem Eklat ausweitete. Sein erster Doktorvater gab entnervt auf, der zweite behandelte seinen damals (1986) bereits 58jährigen Doktoranden mit kaum verhüllter Abneigung. Die Dissertation mit dem Titel „Jesus – ‚der Menschensohn’“ wurde gleichwohl angenommen und gehört seitdem zur Pflichtlektüre der theologischen wissenschaftlichen Literatur. In dem Skript wird begründet, warum die griechische Übersetzung des aramäischen ‚Bar Nascha’  mit griechisch ‚der Menschensohn’ falsch übersetzt ist und keine Ersatzbezeichnung für Christus, keinen „Hoheits-Titel“ bedeutet. Sie ist vielmehr eine „verhüllende“ Selbstbezeichnung in der aramäischen Sprache und heißt – je nach der Situation des Sprechenden – ‚ich’,  ‚mir’, oder ‚Mensch’. Zu demselben Ergebnis gelangte auch der britische Bibelforscher Geza Vermes, und deshalb ist dieser Theologie-Irrtum offiziell korrigiert, obwohl es viele Bibelleser noch nicht mitbekommen haben.

 

Die Serie der Schwarz’schen Paukenschläge setzte sich munter fort. Im Verlag W. Kohlhammer erschienen ausführlich belegte Urwortlaut-Untersuchungen mit den Titeln „Und Jesus sprach“ (2. Auflage 1987) sowie „Jesus und Judas“ (1988), eine radikal neue Sicht auf das Abendmahl und die Umstände der Verhaftung von Jesus in Jerusalem im Jahr 30 unserer Zeitrechnung. Dann Bücher in anderen Verlagen: „Tod, Auferstehung, Gericht und ewiges Leben“ (1989) – Text eines Vortrags in Freising; „Fehler in der Bibel? – Wie sie zu erkennen und wie sie zu korrigieren sind“ (1990); „Wenn die Worte nicht stimmen – Dreißig entstellte Evangelientexte wiederhergestellt“ (1990); „Die Poesie der frühen Christen“ (1990); „Die  Bergpredigt – eine Fälschung?“ (1991); „Das Jesus-Evangelium – Zusammengestellt und übersetzt aus griechischen und altsyrischen Vorlagen und aus außerbiblischen Quellen“ (1993); „Worte des Rabbi Jeschu“ (2003), ein Buch für solche Leser, die nicht durch altgriechische oder aramäische Schriftzeichen verwirrt werden möchten. Und schließlich „Glaubenswürdiges Credo?“ (2006), eine Auseinandersetzung mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis sowie kritische „Rückfragen“ zum Credo des neuen Papstes Benedikt XVI. Diese gelehrte Streitschrift verschickte Schwarz auch an die katholischen und die protestantischen Bischöfe, ohne von irgendeinem eine Antwort zu erhalten.

 

Haben wir es, alles in allem, mit einem altersstarrsinnigen notorischen Querulanten zu tun? Gewiss nicht, denn die unablässigen Interventionen des Diepholzer Forschers berühren ein objektives Quellen-Problem, das die Historiker immer schon geplagt hat. Da niemand ernsthaft bezweifelt, dass die Menschen in Galiläa westaramäisches Idiom sprachen (und als zweite Amtssprache die ‚Koine’, das hellenistische Altgriechisch benutzten), wird auch Jesus so zu seinen Schülern und den anderen Leuten in Galiläa und Jerusalem gesprochen haben. Das ist Konsens in der neutestamentlichen Forschung und wird in allen neueren Jesus-Biografien eingeräumt.

 

Die aramäisch-hebräischen Aufzeichnungen über die Lehrworte und die Taten Jesu galten aber bereits in der Antike als verschollen. Die Tatsache, dass nur griechisch verfasste Texte aus der Frühzeit der Kirche erhalten sind, wird damit erklärt, dass Jerusalem – als mutmaßlicher Aufbewahrungsort von Jesus-Schriften in aramäisch-hebräischer Quadratschrift – im Jahre 70 in Folge des erbitterten römisch-judäischen Krieges völlig zerstört und die überlebende Bevölkerung vertrieben wurde. Mutmaßungen gehen zwar dahin, dass originale nicht-griechische ‚Jesus-Akten’ eventuell in kleinen Bibliotheken auf dem Boden des heutigen Syriens, östlich des Jordans oder in Ägypten im späteren 1. Jahrhundert noch vorhanden waren, aber sie sind und bleiben verschollen.

 

So stützen sich die international vernetzten neutestamentlichen Wissenschaftler ausschließlich auf das reichhaltige und heterogene altgriechische Textmaterial, das in tausenden von Manuskripten und Fragmenten erhalten ist und wissenschaftlich ausgewertet wird. Kenner betonen dabei allerdings stets, dass es sich nicht um „Originaltext“ handeln könne. Die griechischen Evangelientexte sind – das ist allgemeines Expertenwissen – häufig fehlerhaft, missverständlich und außerdem infolge dogmatischer Traditionen der frühen christlichen Kirchen im Römischen Reich sowie in den mittelalterlichen Klöstern redaktionell „überarbeitet“ worden. Neben den altgriechischen Texten hat die katholische Kirche daneben noch eine eigene Tradition, die zum Teil auf die einstige lateinische Volksbibel „Vulgata“ zurückgeht und die Ökumene – damit insbesondere griechisch-orthodoxe sowie russisch-orthodoxe Kircheninteressen – berücksichtigt.

 

Aus den drei sogenannten „synoptischen“ Evangelien Markus, Matthäus und Lukas wurde in mehreren Forschergenerationen eine sogenannte „Spruchquelle Q“ destilliert. Eine aktualisierte und kommentierte Ausgabe dieses drastisch verkürzten „Ur-Evangeliums“ ohne erzählende Verknüpfungen – auch die Kreuzigung Jesu fehlt darin – erschien 2007 auf Deutsch (mit griechischem Paralleltext) in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt, sodass sich auch Laien preiswert mit dieser Lektüre versorgen können. Es bleibt aber der objektive Mangel, dass man über aramäische Stenogramme und Protokolle der Worte und Lehren Jesu nicht mehr verfügt. Die Lücke, die auch eine Lücke des Vertrauens auf die historische Wahrheit bildet, könnte man nur noch mit virtuellen, künstlichen Mitteln schließen, wie sie ja auch in der Archäologie gang und gäbe sind.

 

Immer wieder haben Orientalisten wie Konstantin von Tischendorf (1815-1874), Julius Wellhausen (1844-1918), Gustaf Dalman (1855-1941) und andere vorgeschlagen, den aramäischen Urtext zu rekonstruieren, weil man sonst die Jesus-Botschaft nicht vollständig und genau erfassen könne. Erst durch eine philologisch korrekte Methode, ähnlich oder getreu so wie sie Günther Schwarz aus eigenem Antrieb, fast ohne akademischen Rückhalt, seit 1952 entwickelt und öffentlich vorgelegt hat, wäre eine glaubwürdige Rekonstruktion möglich. Der Philologe Günther Schwarz ist einer der wenigen, der sich gründlich in die Sprachwelt Palästinas zu der Zeit Jesu und seines römischen Anklägers Pontius Pilatus im 1. Jahrhundert einarbeiten konnte und deshalb zu einer „Wiederherstellung“ fähig ist. Aber es fehlt der offizielle Wille, sie als gültig anzuerkennen. Beispielsweise durch eine Initiative des Instituts für neutestamentliche Textforschung der Universität Münster INTF, in deren Gremien die Fäden zusammenlaufen und Gelder der Deutschen Forschungsgemeinschaft gebündelt sind.

 

Dass man bisher auf die Mithilfe und die Vorschläge eines wissenschaftlichen Einzelgängers wie Schwarz verzichtet, hat möglicherweise auch mit Standesdünkel zu tun. In sein Pfarramt und zum Doktortitel kam er auf dem zweiten Bildungsweg. In seinem ersten Beruf war er Maschinenschlosser und hat zum Beispiel Kanalschleusen des hamburgischen Inselstadtteils Wilhelmsburg gewartet. Seine Griechisch- und Aramäisch-Kenntnisse erwarb er durch Selbststudium, wobei ihm eine offensichtliche natürliche Sprachbegabung half. Insofern könnte es sein, dass er als Autodidakt ohne Abitur von Theologen mit Abitur wegen der ‚falschen’ Herkunft geschnitten wird.

 

Oder aber man fürchtet sozusagen das exegetische „Gepäck“, das Schwarz mit sich führt. Denn er scheut sich nicht, auch das ‚heiße Eisen’ der österlichen Auferstehungsvisionen – angefangen von Maria aus Magdala, über den Apostel Petrus und den Jesus-Bruder Jakobus bis hin zum Apostel Paulus – und das Pfingstwunder der Himmelfahrt Christi zu deuten. Was der Jesus-Gemeinschaft des Jahres 30 erschienen sei, war ein „Geistkörper“, der im „Lichtglanz“ aufleuchtete – so interpretiert Schwarz und beteuert, das sei nicht seine Erfindung, sei kein Spiritismus, sondern ergebe sich nüchtern aus den rückübersetzten Worten und deren Sprachsinn.

 

Jene Teile der Evangelienerzählung, in denen Jesus über das Wasser wandelt und durch verschlossene Türen geht, hat die aufklärende Bibelkritik in mehr als 200 Jahren Feinarbeit als „unhistorisch“ ausgemerzt. Schwarz will durch Rückkehr zu den Sprachwurzeln zweifellos ebenfalls aufklären, überschreitet jedoch im Fluidum des Aramäischen eine tabuisierte Grenze.

 

Seine Spurensuche zum „Urevangelium“ rüttelt an wesentlichen Glaubensinhalten der protestantischen und der katholischen Kirchen, sie ist – wie Schwarz selbst einräumt – „umstoßend“. Wen wundert’s, dass die gläubigen und die ungläubigen, die amtlichen und außeramtlichen Christen sich schwer tun mit dem Mann und seinem Thema. Schwarz verlangt zweifellos keine Entscheidung für oder gegen seine Person, sondern er verteidigt seine sprachkritische Kompetenz, indem er dazu einlädt: Lest und hört euch an, wie die aramäische Rückübertragung der Worte Jesu klingt – als Gegenprobe zur griechisch fundierten Übersetzung in den deutschsprachigen Bibeln. „Was Jesus nicht in Aramäisch sagen konnte, so wie es im Griechischen steht, das kann er nicht gesagt haben. Ein ganz einfacher Vorgang.“

 

Und die Entdeckung der „Poesie“ im Urevangelium habe Vorteile im Vergleich zur modernen Bibelprosa, meint der promovierte Philologe: „Durch die Poesie wird die Möglichkeit von Unschärfen, Fehlern radikal eingegrenzt. Poesie ist immer Absicht, nie Zufall.“

 

 

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